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Spirituelle Ansichten 1

Die Themen stehen Schlange in meinem Kopf.
Wie Kinder, die Aufmerksamkeit wollen und sehnlichst darauf warten, sich endlich äußern zu dürfen.

Daher nun heute noch ein weiteres Thema! Es geht um Ansichten. Und wie alles in der spirituellen Welt zusammen passt, wo doch so viele Lehren einander auszuschließen scheinen.

So viele Fragen!

Und so viel Leid, das wegen der Auslegung dieser Fragen geschah und heute immer noch geschieht!

Wenn es einen Schöpfergott gibt, kann und darf es doch keine vielen Götter geben?
Gibt es nur ein Leben oder Wiedergeburten, sprich Reinkarnationen?
Ist das Leben vorherbestimmt? Wo bleibt dann der freie Wille?
Gibt es einen Anfang und ein Ende? Oder ist das Leben ein Kontinuum?

Diese Fragen lassen sich endlos fortsetzen. Sie sind nützlich um Dinge zu durchdenken und Einsichten zu vertiefen. Doch meiner Meinung und Erfahrung nach löst der Verstand das Problem von Gegensätzen nicht.

Daher mein Vorschlag:

Wie wäre es, wenn wir alle spirituellen Wahrheiten aller Richtungen als Ansichten desselben Themas betrachten würden?

Beschreiben wir das Letztendliche, was einige Gott, andere Allah, wiederum andere Paramatman und so weiter nennen, der Einfachheit halber jetzt einmal als Licht.

Jetzt könnten wir uns einen sehr, sehr großen wunderschönen Diamanten vorstellen, der von meisterhafter Hand einen kostbaren Facettenschliff erhalten hat. Es gibt unendlich viele Facetten. Scheint Ihnen unendlich zu groß?

Dann denken Sie nur an die Größe unserer Galaxie. Und es gibt noch so viele – wissenschaftlich nachweisbare – andere in diesem Universum. Und in meinem Bewusstsein weiterhin viele weitere Universen…

Ich hoffe, Sie stimmen mir nun bei, dass ich der Einfachheit halber das Wort „unendlich“ verwenden darf.

Wie wäre es, wenn das Licht dasjenige ist, was allen offiziellen und informellen Glaubensrichtungen heilig ist? Und die Glaubensrichtungen facettengeschliffene Fenster, durch die wir uns dem Licht nähern und es betrachten?
Da es einer der klarsten Diamanten wäre, die wir uns vorstellen können, könnten wir das Licht gut sehen.
Und erhalten eine Ansicht dessen, was hinter allem steht.

Müsste es dann wirklich noch Glaubenskriege geben?

Selbst durch die besten Fenster erhalten wir nur eine Ansicht dessen, was ist. Das Eigentliche ist unsichtbar, unsagbar, unvorstellbar… aber – vielleicht erfahrbar.

Dennoch es ist besser, diese Fenster zu haben als in der Dunkelheit umherzuirren.

Es gibt so viele Gleichnisse. Lassen Sie mich einige hier anführen.
Die verschiedenen Flüsse, die alle zum Meer führen, habe ich im ersten Post erwähnt.

Dann kommt mir das Gleichnis der drei Blinden in den Sinn, die einen Elefanten beschreiben sollen. Der eine berührt das Bein und beschreibt ihn als eine Säule, der nächste den Rüssel und beschreibt den Elefanten als schlangenähnlich, der dritte berührt das Ohr und spricht von einem Palmwedel.

Auch der Aufstieg auf einen Berg ist beliebt. Bei diesem Berg gibt es nicht nur einen Weg zum Gipfel. Es gibt viele Wege.

Weise aller Zeiten und aller Richtungen waren und sind sich einig, dass sie sich am Ende mit den anderen Weisen am selben Ort treffen werden, der im Übrigen nicht notwendigerweise ein Raum sein muss, aber einer sein kann.

Deutschlands Klassik bietet unter anderem Gotthold Ephraim Lessings Ringparabel, die sich auf die drei „moderneren“ Schöpfergott-Religionen bezieht: Ein Vater hatte drei Söhne und einen wertvollen Ring „aus lieber Hand“. „Der Stein war ein Opal, der hundert schöne Farben spielte und hatte die geheime Kraft, vor Gott und Menschen angenehm zu machen, wer in dieser Zuversicht ihn trug.“ Als es zum Sterben kam, rief der Vater jeden seinen Söhne ins Zimmer und gab jedem einen gleich aussehenden Ring.

Als die Söhne darauf kamen, fühlten sie sich betrogen. Der Vater hatte den ursprünglichen Ring nachmachen lassen. Ein Opal hat eine erstaunliche Vielfalt an Farben, die für die Vielfalt im Leben steht. Die drei Söhne sind die drei neueren großen Weltreligionen, die sich seit Hunderten von Jahren nicht „grün“ sind, obwohl sie aus einer Quelle stammen und viele gleiche historische Personen in ihren Heiligen Büchern benennen. Nur die Interpretationen sind anders.

Wegen dieser Unterschiede kommt es seit Tausenden von Jahren zu Streit und Krieg. Muss das wirklich sein? Lessing schlug vor, jeder solle nach seinem Besten trachten mit dem jeweiligen Ringe und das Leben würde zeigen, welche Religion die Beste sei.

Was wäre, wenn es gar keine beste gäbe? Wenn das auch gar nicht wichtig wäre? Wenn es um das Licht dahinter ginge oder um das, was Laotse das Tao nennt?

Etwas, was man nicht benennen kann, aber dessen Wirkung klar erfahrbar ist, wenn man im Einklang mit ihm handelte?

Hier zu Beginn meines Blogs „Spiritual Affairs“ möchte ich klarlegen, dass ich mich je nach Bedarf und Moment in verschiedenen spirituellen Sprachrichtungen bewegen werde, mal diese und mal jene Ausdrucksweise gebrauchend, um eine Sichtweise zu erhellen.

Es ist für mich klar und selbst erklärend, dass es dabei auf logischer Ebene zu Paradoxa kommen wird. Weil es eben mit Sprache und Themen einfach so ist. Verschiedene Ansätze und Ansichten weisen auf verschiedene Aspekte der spirituellen Angelegenheiten hin.

Wenn früher oder vielleicht auch heute noch ein Suchender zu einem Weisen ging und ihn nach langem Suchen auf einem Berg in der Einsamkeit fand, brachte dieser den Schüler oft mit widersprüchlichen unklaren Äußerungen zur Verzweiflung. Oder er sagte gar nichts und schickte den Schüler weg.

Der Weise ließ den Schüler dumm aussehen, während er vielleicht mystisch verzückt lächelte, irgendetwas in den Augen des Schülers Seltsames tat oder, einem anderen Gleichnis zufolge, dem Schüler auf den Rücken sprang, hart auf ihn einschlug und immer wieder schrie „Hast Du es jetzt begriffen?“ bis der Schüler eine Erkenntnis hatte.

Zum Abschluss dieses zweiten Posts am Zweiten Weihnachtsfeiertag möchte ich Folgendes anregen:

Wie wäre es, wenn wir nicht nur in spirituellen Angelegenheiten, sondern auch bei anderen Themen respektvoll und aufmerksam und interessiert zuhörten? Ohne aus unserer Ansicht und Erfahrung heraus, die wir mit einer Überzeugung und einem Urteil verknüpfen, vielleicht unangemessene Verhaltensweisen abzuleiten demjenigen gegenüber, der eine andere Ansicht vertritt?

Sie muss nicht falsch sein, nur weil sie anders ist. Es ist nur eine Ansicht im Leben, zu dem der andere aus verschiedenen Hintergründen gekommen ist. Könnten wir ihn sein lassen, ohne uns aufzuregen, zu urteilen oder zu bestrafen? Könnten wir uns sein lassen?

Bei allen Verschiedenheiten könnte man sich vielleicht auf ein paar gemeinsame Nenner einigen wie „das Leben des anderen zu achten und diesem nicht zu schaden“, „Mitgefühl und Freundlichkeit“ aufzubringen und nicht mit Vorsatz „zu verletzen“. Die Anleitungen der meisten Glaubensrichtungen sind hilfreiche Wegweiser bei diesem – zugegeben – nicht ganz leichten Unterfangen.

Ich verabschiede mich für heute in meinen Feiertag, an dem ich schöne Dinge vorhabe und bin froh, dass ich dieses Thema jetzt zum ersten Mal angesprochen habe. Es wird vielleicht nicht das letzte Mal sein.

Ihnen ebenfalls einen schönen Tag: Licht, Liebe und Zuversicht!