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Eine Weihnachtsgeschichte: Mein Elternhaus

Seit Tagen will ich Ihnen diese Geschichte erzählen, aber es war zu viel zu tun und ich brauche einen stillen Moment zum Schreiben. Jetzt kommt sie, die Geschichte meines Elternhauses, die zum Nikolaustag einen schönen Abschluss fand.

Als ich ungefähr fünf Jahre war, kauften meine Eltern ein Grundstück in meiner Heimatstadt, um dort ein Haus zu bauen. Meine Heimatstadt war eine vom Zweiten Weltkrieg gezeichnete Stadt. Es gab leere Grundstücke, schnell hochgezogene Häuserreihen, aufgeschüttete Hügel, deren Grund aus Trümmern von Bombenangriffen bestanden.

Das Grundstück, das meine Eltern auf Leibrente kauften, war ein wunderschöner wilder Garten voller Blumen, Büsche und Beeren. Ein Paradies für mich, ein heiliger Ort!

Mein Inneres sagte mir, dass man diesen Garten nicht zerstören durfte. Es hatte eine besondere Bewandtnis mit ihm. Ich weinte und bat meine Eltern, hier kein Haus zu bauen, sondern den Garten, in dem Seelen wohnten, die nicht gestört werden durften, so zu belassen.

Das war in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts.

Natürlich bauten sie. Ein für damalige Verhältnisse supermodernes Haus mit tollen technischen Errungenschaften. Die früheren Eigentümer, ein Maler und seine Frau, wohnten in ihrem kleinen Gartenhäuschen im hinteren Bereich, mit eigenem Eingang an unserem Haus vorbei und Blumen. Sie brachte ihm nachmittags Tee in das danebenliegende Atelierhäuschen. Es war idyllisch, naturbelassen und bezaubernd. Die beiden lebten lange.

Der schöne Garten mit leuchtend roten Johannisbeeren und dieser besonderen Stimmung wurde im Herzen zu meinem geheimen Garten. Die Jahre vergingen, ich wurde groß. So gut es sich in dem Haus leben ließ, war öfter eine gedrückte Stimmung zu spüren. Im Übrigen nicht nur bei uns, sondern im ganzen Straßenzug. Zwölf Monate nach dem Abitur verließ ich mein Elternhaus und lebte ein Jahr in Paris.

Wieder vergingen Jahre. Meine Eltern entschieden sich im frühen Alter, in den Süden ans Meer zu ziehen. Das Haus wurde verkauft. Erst wohnte ein Kunstprofessor dort, dann wurde es zwangsversteigert und vom neuen Vermieter weiter vermietet. Ab und an fuhr ich in meine Heimatstadt und natürlich auch an meinem Elternhaus vorbei. Meine Eltern hatten es immer gut instand gehalten. Das war nun nicht mehr so.

Meine Eltern fühlten sich wohl in der Stadt am Meer und genossen ihr Leben. Sie wurden älter.

Mein Vater überlebte mit 77 Jahren eine Lungenembolie, 2015 starb er mit 82 Jahren an einer zweiten. Schnell und überraschend bei einem Besuch bei mir in Hamburg, um ihren Umzug zu mir vorzubereiten. Ich hielt seine Hand, als der Monitor die Flatline anzeigte. Meine Mutter trug zu diesem Zeitpunkt seit fast zwei Jahren ein transportables Sauerstoffgerät. Sie starb acht Monate später 2016, drei Tage nach dem Geburtstag meines Vaters mit 78 Jahren.

Trauernd fuhr ich in meine Heimatstadt, zu meinem Elternhaus. Dieses stand leer und verwahrlost da. In einem der besten Villenviertel der Stadt, in dem die Häuser und Gärten äußerst gepflegt sind.

Ich betrat das Grundstück, betete und vergrub etwas mir Heiliges im Boden. Den geheimen Garten im Herzen betete ich dafür, dass dieses mit soviel Sorgfalt und Einfallsreichtum erbaute Haus – welches mittlerweile unter Denkmalschutz steht, da es auf beste Weise ein Haus der 70er Jahre repräsentiert – in gute Hände kommen und wieder bewohnt werden würde. Ich nahm einen Stein mit mir.

Der Nikolaustag ist ein besonderer Tag in unserer Familie gewesen. An diesem Tag hatte meine Mutter Geburtstag, hatten meine Eltern am Tag der Volljährigkeit meiner Mutter geheiratet. Und es war eben auch Nikolaustag.

In diesem Jahr fuhr ich wieder hin und lud eine Freundin meiner Mutter zum Essen ein. Vorher fuhr ich an meinem Elternhaus vorbei und betrat es. Das erste Mal seit über 20 Jahren…

Es gefiel mir besser als alles, was ich mir hätte vorstellen können. Mein Elternhaus ist im Inneren zu einer kleinen intensiv medizinischen betreuten Wohn- und Pflegeanlage umgebaut worden. Für schwer kranke Menschen, die mit Sauerstoff versorgt werden müssen und es bestimmt nicht leicht haben.

Die Energie im Haus war überaus positiv, An den Wänden standen folgende Sätze:

„Gib jedem Tag die Chance, der schönste in Deinem Leben zu sein“ (Mark Twain).

Und: „Jede Minute Lachen verlängert Dein Leben um eine Stunde.“

Die Bewohner des Hauses können aus meinem früheren Zimmer, dem früheren Schlafzimmer meiner Eltern und anderen in die Bäume schauen. Ein guter Geist ist zu spüren. Das Haus und der Grund sind in Frieden.

Ich dachte an das, was ich vor neun Jahren über einen Artikel in der Zeitung meiner Heimatstadt erfahren hatte. Unter diesem Straßenzug hatte sich im Krieg ein Stollen für 2000 Menschen befunden. Kurz vor Kriegsende waren 230 Menschen dort bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen, vor allen Dingen Frauen und Kinder. Sie waren elendig erstickt an giftigen Gasen, da die unterirdischen Öfen umstürzten, in Brand gerieten und die Menschen nicht mehr herauskamen aus dem Stollen.

Der wilde Garten war erfüllt von diesen Menschen, ihrem Schicksal, ein Ausdruck der Schönheit ihrer Seelen. Meine Eltern erkrankten schwer an den Lungen. Beide erstickten nicht. Vielleicht aufgrund meiner Gebete. Meine Eltern starben beide bei mir in Hamburg. Ihr Grab liegt auf meinem Weg in die Stadt. Ich besuche es oft. Es strahlt einen tiefen Frieden voller Seelenschönheit aus und ist kein trauriger Ort.

Die Energie in meinem Elternhaus ist beseelt und den Bewohnern zugetan. Menschen, die zu ersticken drohen, wird dort geholfen. Man könnte auch sagen, die Toten helfen den Lebenden, damit sie nicht deren trauriges Schicksal erleiden müssen. Ein tragischer Ort des Todes wurde zu einem Ort für die Lebenden.

Ein Kreis hat sich auf gute Weise geschlossen und besteht in der unsichtbaren Welt als Abdruck von Wissen und Erfahrung und Leben fort. Dies ist mein Nikolaus- und Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr. Ein großes Geschenk. Nicht nur für mich, sondern für meine Familie, meine Ahnen, für meine Heimatstadt.

Dies ist eine der vielen Geschichten, die das Leben schreibt. Wenn man will, könnte man sie auch als Fabel verstehen, denn sie könnte wohl eine Moral haben:

Achten Sie auf Orte, auf Schwingungen, auf Träume und Gefühle. Es gibt Orte, die man zu bestimmten Zeiten besser nicht bebauen sollte. Es könnte einen Prozess von Seelen oder anderen Wesen wie Elfen stören. Das kann Konsequenzen haben. Befragen Sie Ihr Herz, wenn Sie etwas spüren. Befragen Sie den Ort, ob Sie dort bauen oder hinziehen sollten.

Wenn schon etwas geschehen ist, tun Sie Ihr Bestes, um die Angelegenheit in Frieden zu bringen. Sie müssen das nicht allein tun. Es gibt hilfreiche Menschen, Wesen und das ewig Göttliche, die Ihnen beistehen können. Wenn Sie etwas spüren, ist das wie eine Bitte, sich darum zu kümmern. Tun Sie es – für sich selbst und für andere. Für das Leben, die Erde und die Universen.

Ehren Sie die Geschichte des Ortes, die Menschen und Wesen, die vor Ihnen dort gelebt haben und die sich auf gewisse Weise zeitgleich mit Ihnen im immer währenden Jetzt dort aufhalten. Pflanzen Sie eine Blume, einen Strauch oder einen Baum, richten Sie einen Gedenkort ein. So ehren Sie das, was war. Und es kann sein, dass der Segen und die guten Wünsche aus den anderen Welten Ihr Leben beflügeln, schützen und zum Guten verändern wird. Leben Sie nicht stumpf, sondern mit dem, was ist. Und das ist unendlich weitreichend.

Dies ist meine Weihnachtsgeschichte von 2019, die mein Herz mit Freude und Wärme erfüllt.

Ich wünsche Ihnen gesegnete Weihnachten und ein ebensolches Jahr 2020!