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Zuckerentzug Tag 5 und Mutter-Träume

Mir ist gerade ein wenig schwummerig. Dennoch ist da der Impuls, dies hier zu teilen. Tag 3 des Zuckerentzugs: naja – nicht so schön. Tag 4 des Zuckerentzugs verlief hingegen erfreulich. Ich fühlte mich besser und konnte sogar Sport treiben. Und ich habe von 23 Uhr bis nahezu 7 Uhr morgens tief durchgeschlafen. Das war auf der körperlichen Ebene sehr erholsam.

Auf den Traumebenen war jedoch allerhand los. So schien mir, als wenn ich die ganze Nacht sehr bewegte Träume hatte. Längere und kürzere Traumsequenzen wechselten einander ab. In allen möglichen Variationen ging es um ein Thema: Das Packen meiner Mutter. Ich sah meine Mutter eilig ihre Sachen packen, die sie nahezu allesamt verkaufen wollte. Vor allen Dingen Anziehungssachen, aber auch andere Gegenstände.

Meine Mutter hatte als Kind im Zweiten Weltkrieg extremen Mangel und Hunger und Not erfahren. Dies sollte später zu einer Hingezogenheit zu schönen Dingen führen und das Leben in seiner Gänze auszuschöpfen. Zu kreieren, zu leben, zu gestalten.

Außerdem lebte sie ihre Kreativität in vielerlei Hinsicht. Als junge Frau erfand sie die ersten in der Maschine waschbaren Babystofftiere und Puppen aus Frottee. Diese trugen das Gütezeichen „Spiel gut“ und wurden in Hand- und Heimarbeit in Deutschland hergestellt. Sie konnte gut zeichnen und entwarf eine Vielzahl von diesen Tieren und Puppen. Sie wurden in edlen Geschäften wie Dior für Kinder etc. pp. weltweit vertrieben. Außerdem entwarf sie Mädchenkleider. Ich war als kleines Kind ihr Fotomodell. Auch die Kleider waren in Zeitschriften zu sehen und auf Messen in Paris oder Japan.

Das war nur eine Ihrer Fähigkeiten. Sie war vielseitig begabt und drückte dies auch aus. Als Diplom Volkswirt schrieb sie später ein Buch über die Wall Street und machte sich einen Namen als Börsen- und Finanzexpertin, schrieb Kolumnen in diesem Bereich für die „Wirtschaftswoche“ oder „Marie Claire“. Dabei war es ihr immer wichtig, Frauen dazu zu ermutigen, selbständig zu denken und unabhängig zu handeln und gut für sich zu sorgen.

Hintergrund dafür: Sie war erschüttert über das Schicksal von Frauen, die entweder knapp gehalten wurden von ihren Männern oder aus Unwissen in eine schlechte finanzielle Situation abglitten, insbesondere im Alter. Damals gab es das noch häufig. Frauen mussten in den 50er Jahren sogar noch die Zustimmung ihres Mannes erhalten, wenn sie arbeiten wollten.

Mein Vater war ihr ein gleichwertiger Partner. Machte seine eigenen beruflichen Dinge und ließ sie machen, wobei er sie unterstützte und ihr ihren Freiraum ließ, den sie aber auch einforderte. Manches machten sie gemeinsam, manches machten sie unabhängig voneinander. Das war ihre Art. Sie hätte auch als Eventmanagerin Erfolg gehabt. Sie plante Feste und Feiern an sehenswerten Orten mit liebevollen Details und Aufmerksamkeit, so dass sie ein unvergessliches Erlebnis für die Gäste wurden.

Zurück zu den Träumen: Diese Episode will ich hier teilen. Ich sah meine Mutter packen. Sie hatte es eilig irgendwie. Ich befand mich im Untergeschoss. Meine Mutter hatte eine Hilfe engagiert, eine Frau Sever. Meine Mutter rief ungehalten nach ihr. Dinge sollten schnell in den Verkaufsladen im Erdgeschoss. Das Ganze spielte in meinem Elternhaus, sah aber ganz anders aus.

Ich ging zu meiner Mutter. Sie sah den Gürtel in meiner Jeans. Ein breiter brauner Gürtel, hochwertig, sehr geschmeidig, mit einer schlichten eleganten Schnalle. Sie sagte, ich will, dass Du den Besten nimmst. Dies ist nur der Drittbeste. Ich löste ihn und sah ihn an. Da standen zwei Zahlen wie zwei Preise. Als wenn er heruntergesetzt sei.

Später sah ich sie in anderer Form entschlossen beim Verkaufen. Sie machte sich bereit für ein anderes Leben. Mich überkam eine tiefe Traurigkeit, und ich schluchzte. Ein Ton entrang sich meiner Kehle, von dem ich erwachte.

Wie kostbar Träume sind? Wie fein ihre Sprache? Wie verdichtet Ihr Sinn…

Ich will mich in der Übersetzung dieses Traumes kurz halten: Ich bin im Untergeschoss, also  im Unbewussten. Meine Mutter packt vor allen Dingen Anziehsachen. Als Teenager ebenfalls mit einer sehr guten, schlanken Figur gesegnet, hatte sie es ein Leben lang mit mäßigem Übergewicht zu tun, was sie sehr unglücklich machte und dem sie mit Diäten nicht beikam. Es ging hoch und runter.

Meine Mutter packt in meinem Traum ihre Sachen. Sie hat eine Hilfe, eine Frau Sever. „To sever“ bedeutet im Englischen „kappen, trennen, durchtrennen, ablösen“. Auf dem Gürtel stehen zwei Zahlen, eine ist herunter gesetzt. Der Gürtel kann als Maß für den Bauchumfang gelten, der schon beim drittbesten Gürtel niedriger wurde. Aber meine Mutter will, dass ich den besten Gürtel erhalte. Ich nehme an, dass er die kleinste Größe der drei Gürtel aufweist. Es geht in dem Traum um die Ablösung des Übergewichtsmusters, welches ich scheinbar auch von meiner Mutter übernommen habe.

Und es geht um meine Trauer. Meine Mutter macht sich bereit zu gehen – in ein neues Leben. Sie verlässt mich. Schön ist, dass sie in ein neues Leben geht. Traurig für mich als ihr Kind ist, dass sie stirbt und ich sie in physischer Form nicht mehr bei mir habe. Die Trauer geht tief. Trauer durchläuft viele Momente, ist keine schnelle Angelegenheit, so wie beispielsweise „Fast Food“.

Ich finde heute kein rechtes Schlusswort und höre vielleicht ein wenig unvermittelt auf. Vielleicht schließe ich einfach mit einem Dank an meine Mutter. Sie hat mich nicht nur neun Monate lang in schweren Zeiten unter dem Herzen getragen und geboren… Sondern sie hilft mir jetzt auch, mich von diesem familiären Muster des Übergewichts zu erlösen.

Jetzt fällt mir doch noch ein Schlusswort für heute ein: Bearbeiten Sie Ihre Themen mit ihrer Mutter, durchleben Sie auch die negativen Gefühle, aber vergeben Sie ihr! Seien Sie sich immer bewusst, dass Sie Ihrer Mutter Ihr Leben verdanken.

Das heißt nicht, dass Sie nicht Ihr Leben leben sollen. Aber seien Sie dennoch dankbar! Kein Mensch hat Ihnen je ein größeres Geschenk gemacht als diese eine Frau. Ohne sie wären Sie nicht hier!